Sommerregen

Zwei Kugeln Eis liegen schmelzend in meinem Waffelhörnchen. Zitrone und Stracciatella. Meine typische Kombination, wie sie feststellt. Ich schlecke hastig, weil das Eis verläuft. Ich schmecke nicht mal etwas in meiner Hektik. Wenn ich nicht schnell genug bin, läuft es mir über die Finger. Die Finger könnten verkleben. Ich müsste anschließend wieder in die überfüllte Eisdiele, um meine Hände zu waschen. Es ist heiß und stickig dort. Obwohl die Türen und Fenster weit offen stehen. Schon der Gedanke, mich wieder durch das Gedränge hindurch zu kämpfen, löst Stress aus. Ich beginne das Eis zu beißen. Die Waffel bricht. Ich schaue mich um. Ob jemand mich beobachtet? Ob jemand gesehen hat, was für eine Sauerei ich gerade mache? Anscheinend hat keiner etwas bemerkt. Niemand nimmt mich wahr. Nicht einmal sie. 

„Der Kleine isst sein Eis.“ sagt sie und zeigt mit den Augen auf den Jungen vor uns. Sein Gesicht ist völlig verschmiert mit Schokoladeneis. Ich lache in mich hinein. Schön, wie ungeniert man noch als Kind ist. Da ist es dir egal, wie du aussiehst. Hauptsache es schmeckt. Wen kümmert‘s? Ihn jedenfalls nicht. Er genießt. Ich beneide ihn ein wenig. 

„Wollen wir mal in den Schatten gehen? Ich gehe ein in dieser Hitze.“ sagt sie. Ich nicke. Wir setzen uns auf das Mäuerchen das im Schatten der großen Tannen steht. Dort beschäftige ich mich weiter mit dem Rest meines Waffelhörnchens. Es ist schon leicht eingeweicht, also stecke ich es am Stück in den Mund, um größeren Schlamassel vorzubeugen. Keine gute Idee. In dem Moment schaut sie zu mir herüber. Ich fühle mich ertappt. Ich weiß genau, was sie jetzt denkt. Sie muss es nicht aussprechen. Ihr Blick sagt alles. Dann reicht sie mir ein Taschentuch. Ich lächle unschuldig. Vielleicht kann ich so noch ein paar Punkte gut machen. Sie rollt mit den Augen. Dann zieht sie die Sonnenbrille auf, die auf ihrem Kopf saß und leckt genervt an ihrem Eis. 

„Dort hinten zieht ein Gewitter auf.” 

Sie hat Recht. Am Horizont ziehen schwarze Wolken auf.  

„Das wäre eine Erlösung“, antworte ich. 

„Ich glaube, wir sollten langsam los, sonst werden wir nass.”

Ein leichter Wind weht plötzlich. Ein Vorbote für das Gewitter, das sich am Himmel aufbaut. Die Luft bekommt einen seltsam frischen Geruch. Dann verpuffen die ersten Regentropfen auf dem Asphalt. Die letzten Tage hat es kaum Abkühlung gegeben. Der Asphalt ist so erhitzt, dass der Regen direkt verdampft, sobald er ihn berührt. Manchmal wäre ich gerne einer dieser Regentropfen, der sich einfach in Luft auflösen kann.

Die Regentropfen häufen sich zu einem Nieselregen. Sie steckt die Füße in die Schlappen und sagt: “Komm jetzt. Ich habe keine Lust, durch den strömenden Regen zu rennen. Wir haben am Arsch der Welt geparkt.” 

“ Ich komm ja schon.” antworte ich nun auch leicht genervt. 

Sie muss immer gleich so einen Stress machen. Als ob es jetzt zum Jahrhundertgewitter kommen würde. Ein Donner durchbricht die Wolkendecke, als wäre es der Startschuss für das Unwetter gewesen. Der Nieselregen wandelt sich in dicke Tropfen, die nun auch nicht mehr auf dem Boden verpuffen, sondern kleine Pfützen bilden. 

“Was für eine Scheiße”, sagt sie und rennt, so gut wie man mit Badeschlappen eben rennen kann, den Gehweg hinauf. 

Sie nimmt die Handtasche über den Kopf, um ihr frisch gewaschenes Haar zu schützen. Der Regen wird es wieder lockig machen. Und sie wird sich die ganze Heimfahrt darüber aufregen.

Das Regenwasser läuft am Straßenrand hinab. Blätter, Zweige und Müll wirbeln unkontrolliert durch die Luft. Aus dem Wind ist jetzt ein Sturm geworden. Wir versuchen den fliegenden Hindernissen auszuweichen. Sie dreht sich zu mir um und lächelt. 

“Da ist das Auto” 

Ich höre ein lautes Knacken. In dem Moment bricht der Sturm einen Ast vom Baum der Allee. Ich muss mitansehen, wie er sie mit voller Wucht am Hinterkopf trifft. Ihr Blick wird leer. Dann fällt sie. Einfach so. Und bleibt liegen. Ich stoße einen Schrei aus und renne zu ihr. Blut läuft in den Regen. Ich rüttle sie. Rufe ihren Namen. Keine Reaktion. Ich schaue mich nach Hilfe um, aber die Straße ist leer. Keine Autos oder Menschen zu sehen. Nur der beschissene Regen und herumfliegender Müll.

“Das Handy”, denke ich mir. Ich muss den Krankenwagen rufen. Ich greife in die durchnässte Hosentasche und ziehe das Handy heraus. Der Regen bedeckt das Display. Meine nassen Hände können es nicht entriegeln. Ich stecke das Handy zurück die Tasche. Rufe um Hilfe. 

Das Auto. 

Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Schließlich steht das Auto nur ein paar Meter weiter vorn. Ich werde sie selbst fahren. Also trage ich sie zum Wagen. Ich weiß nicht, ob man sie bewegen darf, aber es ist die einzige Möglichkeit.

Schlüssel.

Verdammt. 

Wo ist der Schlüssel?

Ich taste meine Taschen ab, dann fällt mir ein, sie hat ihn in der Handtasche verstaut.

Wo ist die verdammte Handtasche?

Ich drehe mich um. Am Unfallort liegt die schwarze Tasche. Behutsam lege ich sie erneut auf den Boden ab und renne zur Tasche. Ich hole den Schlüssel heraus und eile wieder zu ihr und dem Wagen. Ich schließe die Türe auf und versuche sie auf den Beifahrersitz zu hieven. Ich Mühe mich ab. Ihr regungsloser Körper hilft nicht mit. Dann renne ich um das Auto und reiße die Fahrertüre auf. Ich bin so nervös, dass ich das Zündschloss mit dem Schlüssel nicht zu treffen scheine. Als es mir endlich gelingt, starte ich den Wagen. Ich fahre los. Zu schnell. Der Scheibenwischer kommt nicht hinterher mit Wischen. Ich rase durch das Unwetter in das Krankenhaus.

In der Notaufnahme reicht ein einziger Blick. Aus meiner schlimmste Befürchtung wird Gewissheit. Etwas in mir erlischt, als meine Hoffnung stirbt. Mir wird übel. Das grelle Neonlicht verschwimmt. Dann wird mir schwarz vor Augen. Ich suche Halt an einer Liege bevor ich zusammensacke. Dann höre ich nur noch dumpfes Durcheinanderreden. Vor zwei Stunden war die Welt noch in Ordnung. 

Man entlässt mich aus der Notaufnahme. Ich bekomme eine Nummer von der Seelsorge. Ich fahre nach Hause. Als ich über die Brücke fahre, halte ich den Wagen an. Ich schaue mir noch einmal den Zettel von der Seelsorge an, dann zerknülle ich ihn und werfe ihn in den Fußraum des Wagens. Ich öffne die Türe und gehe zum Geländer der Brücke. Von hier oben kann man das Meer in der Ferne sehen. Der Regen hat sich gelegt. Das Abendrot verteilt sich stattdessen jetzt am Himmel. Die Schiffe kehren in den Hafen zurück. Das Meer sieht so friedlich aus. Als wäre nichts geschehen. Als wäre es nur ein Unwetter gewesen. Ich atme tief ein. Meine Hände zittern. Dann gehe ich zum Wagen zurück. 


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