Drei Männer im Wald - Ein einfacher Dialog

Es ist eine regnerische Nacht. Ein alter Van steht am Waldrand. Ein Stück den Wald hinein, auf einer Lichtung, stehen zwei Männer, Thomas und Michael. Neben ihnen liegt ein großer, länglicher Sack auf der Erde. Sie sind dabei, ein tiefes Loch zu graben. 

“Beck’s”, sagt Michael und stößt die Schaufel tief in die Erde. Seine Hände haben Blasen vom Abrieb am hölzernen Griff. Er schwitzt. Was ihm unangenehm ist, denn er ist ein sehr reinlicher Mensch.
"Pah!", brummt Thomas. Er ist sparsam mit Worten.
“Was?” will Michael wissen.
“Ekliges Gesöff”, sagt Thomas. Es ist ihm eigentlich egal. Hauptsache dagegen, ist seine Devise.
Michael hört für einen Moment auf zu graben: “Was dann?”, will er von Thomas wissen.
“Musst du wissen”, sagt Thomas pampig. Er wirkt angefressen, weil die zwei schon seit Stunden im Wald stehen und das Loch graben. Er hat gedacht, sie wären schneller fertig mit dem Job. Doch der Boden ist noch hart, obwohl es schon seit Stunden regnet. Sie kommen nicht schneller voran.
“Dann Warsteiner”, sagt Michael in die Stille hinein. Die zwei philosophieren seit fünf Minuten über das beste Feierabendbier.
“Naja. Geschmack hat man oder hat man eben nicht”, antwortet Thomas und stößt seine Schaufel in den schlammigen Boden.
“Sagt der Mann mit den Gummistiefeln”, antwortet Michael.
“Es regnet”, erklärt sich Thomas. Bei dieser Art von Job trägt er immer seine olivgrünen Gummistiefel. Sie sind praktisch. Das ist, worauf es ankommt.
“Na und?” will Michael wissen. Er merkt, dass er Thomas in eine Enge getrieben hat.
“Meine Füße bleiben trocken”, verteidigt sich Thomas.
“Man riecht’s”
“Sei du mal besser ruhig, Schwitzimodo”, befreit sich Thomas aus seinem verbalen Schwitzkasten. Er wirft mit der Schaufel das Stück lehmige Erde auf den Erdhaufen neben dem Loch.
“Ich hab’ ja auch was gearbeitet, im Gegensatz zu dir”, sagt Michael und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
“Was manche Leute heutzutage als Arbeit ansehen", sagt Thomas ironisch.
“Früher war es schlimmer, stimmt’s?”
Thomas ist schon seit Jahren im Geschäft. Michael ist erst vor ein paar Wochen dazu gestoßen. Die Lage hat sich zugespitzt, so dass “der Alte” mehr Männer braucht, die für ihn graben.
“Sag du’s mir”, sagt Thomas.
“Keine Ahnung.”
“Grab einfach weiter.”
“Wieso müssen ausgerechnet wir die Drecksarbeit für den Alten machen?” will Michael wissen. Er ist mit dem Job sichtlich unzufrieden aber es ist gut verdientes Geld.
“Weil der Alte nunmal entscheidet und jetzt grab’.”
“Arme Sau”, sagt Michael, während er den Sack auf der Erde, neben dem Loch und dem Erdhaufen, betrachtet. Ein etwa ein meter achtzig großer, zusammen geschnürter, lebloser Kartoffelsack.
“Du meinst hässliche Sau. Was kümmert’s dich?” Thomas lacht. Es kommt selten vor, dass Thomas lacht. Sein Humor ist mit den Jahren abgestumpft.
“Ich mein ja nur”, entgegnet ihm Michael.
“Denken ist nicht deine Aufgabe.”
“Wie auch immer”, sagt Michael und stößt mit seiner Schaufel auf etwas weiches im Boden. Es gibt ein dumpfes Geräusch.
“Ich glaub da liegt schon einer”, sagt Michael überrascht. Ein Stück alter Kartoffelsack blitzt aus der schlammigen Erde.
“Scheiße”, sagt Thomas.
“Und jetzt?” will Michael wissen.
“Egal, legen wir ihn drauf.”
“Wie du meinst”, sagt Michael.
“Los pack’ mal mit an”, sagt Thomas, der die Schaufel schon beiseite gelegt hat und jetzt den leblosen Kartoffelsack am unteren Ende anhebt.
Michael klettert ebenfalls aus dem Loch, spießt die Schaufel in den nassen Erdhaufen und greift sich das obere Ende des Sackes, mit seinen blasenüberzogenen Händen.
“Schwer ist er auch noch”, sagt Michael
“Der hässliche Hund”, stöhnt Thomas.
Michael keucht. Sein Atem wird kürzer. Die zwei hieven den ordentlich verpackten Körper in die Höhe und werfen ihn anschließend in das eben freigeschaufelte Loch. Als der Sack wieder die Erde berührt, bestaunen die zwei ihre Arbeit.
“Haben wir gut gemacht”, sagt Michael
“Zuschütten”, sagt Thomas, dem noch die Luft fehlt.

“Los! Komm jetzt, du faule Sau”, sagt er, als die zwei den Erdhaufen wieder zurück ins Loch gekippt haben.
“Halt’s Maul, Hinkebein”, sagt Michael.
“Hast nen guten Job gemacht heute”, sagt Thomas, der Komplimente für Zeitverschwendung hält.
“Ich mach’ immer einen guten Job”, erklärt Michael.
“Na dann.”
“Bis zum nächsten Mal. Und dusch dich mal wieder. Du stinkst.”
“Du mich auch.”

Die zwei verlassen die Lichtung und gehen zurück zum Wagen. 

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