Gute Nacht, Mama

Wir sitzen gemeinsam am Esstisch. Es gibt Abendbrot. Ich frage sie, wie es in der Schule war. Sie schaut stumm auf ihr Handy. Ich frage sie erneut, mit lauterem Ton. Dann reagiert sie. Sie nimmt die Kopfhörer aus dem Ohr. 

„Hast du etwas gesagt, Papa?“, sagt sie.
Dieser Gesichtsausdruck. Sie sieht aus wie ihre Mutter.
„Schon gut“, sage ich.
„Möchtest du noch ein Brot?“, frage ich sie.
„Nein danke, Papa. Ich bin satt.“

Ich schenke mir noch einen Schluck ein. Der Wodka schmeckt nicht, aber er hilft. Ich weiß, dass es falsch ist und trotzdem fühlt es sich gut an. 

„Hast du wieder Schmerzen?“, fragt sie mich.
„Das ist nur ein Schluck“, antworte ich.
„Du solltest dich dann langsam bettfertig machen. Es ist schon spät.“ sage ich und stelle das leere Glas ab.
„Ja, Papa. Ich schaue nur noch das Video zu Ende.“
„Was schaust du denn da?“, frage ich sie.
„Ach, nur so ein Video.“
„So ein Influencer-Video? 

Ich habe mit dem Internet nicht viel zu tun. 

„Nein, Papa. Ich schaue ein Video über Wiedergeburt.“

Vor Schreck lasse ich fast die Flasche fallen.  

„Schluss jetzt!“, sage ich.
„Zähne putzen und dann ab ins Bett.“
„Aber“
„Kein Aber. Ich habe gesagt, dass es spät ist. Außerdem will ich nicht, dass du so einen Mist anschaust. Wiedergeburt!“
„Glaubst du echt, das bringt sie zurück?“

Sie schaut mit gesenktem Blick auf das vor ihr liegende Handy.

„Wenigstens glaube ich daran“, sagt sie leise. 

Ich schenke mir noch einen Schluck ein und exe ihn. Dann stehe ich auf. Sie sitzt eingesackt auf ihrem Stuhl. Die Schultern angezogen. Ich beuge mich zu ihr herab und streiche ihr über den Kopf. 

„Komm jetzt, Kleines. Du musst ins Bett.“

Sie schaut mich mit wässrigen Augen an. Dann wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Ich schäme mich. Ihre Mutter hätte das nicht zugelassen. Ich küsse sie sanft auf die Stirn. Sie steht auf und geht mit gesenktem Kopf ins Bad. Ich habe sie verletzt. Schon wieder. Seit ihre Mutter gestorben ist, verletze ich sie. Immer wenn sie einen Weg findet, mit dem Verlust umzugehen, stehe ich ihr im Weg. 

Sie kommt aus dem Badezimmer. 

„Fertig?“, frage ich sie.
„Ja.“
„Dann zieh deinen Schlafanzug noch an und leg dich schon mal ins Bett. Ich komme gleich zum Gutenachtsagen.“

Ich schaue ihr hinterher, während sie in ihr Zimmer geht. Ich bleibe noch einen Moment am Esstisch stehen, fülle das Glas auf und räume anschließend das Geschirr ab. Dann folge ich ihr. 

Ich setze mich zu ihr an die Bettkante. Wir falten die Hände und beten. Wie jeden Abend. Sie wünscht sich das so, also tue ich ihr den Gefallen. Dann küsse ich sie auf die Stirn. 

„Gute Nacht, mein Engel“, sage ich.
„Papa?“
„Ja, mein Schatz?“
„Glaubst du wirklich nicht an Wiedergeburt?“

Ich überlege. Ich glaube eigentlich an gar nichts, seit ihre Mutter gestorben ist. Für mich gibt es nur noch Schwarz. 

„Doch“, sage ich zu ihr.
„Ich glaube, dass Mama jetzt ein Stern am Himmel ist. Genau neben Oma.“
„Und glaubst du, dass sie irgendwann wiederkommt?“, fragt sie.
„Nicht so, wie wir uns das wünschen, Schatz.“
„Wie denn dann?“ 

Ich überlege erneut einen Moment. 

„Ihre Seele kommt wieder auf die Erde. Aber sie wird nicht mehr wissen, wer sie mal war.“
„Das verstehe ich nicht“, sagt sie.
„Ist nicht so schlimm, mein Schatz. Was ich meine ist… Du weißt ja nie. Vielleicht versteckt sich Mamas Geist auch in dem Körper von jemandem. Verstehst du? 

Ich mache eine Pause. 

„Dann beobachtet sie dich und passt heimlich auf dich auf.“

Das Reden fällt mir schwer. 

„Und…naja…deshalb solltest du immer gut zu anderen Menschen sein. Das würde sie bestimmt glücklich machen“
„Ok, Papa“, sagt sie. 

Sie versteht es nicht. Wie auch? 

„Dann ist gut. Dann schlaf jetzt, mein Schatz.“

Ich streiche ihr nochmal über den Kopf. Dann stehe ich auf und gehe zur Tür. 

„Gute Nacht, Papa.“
„Gute Nacht, Kleines.“
„Gute Nacht, Mama.“

Ich lösche das Licht und gehe in die Küche. Ich habe einen Kloß im Hals. Mein Herz krampft. Ich setze mich an den Esstisch. Dort wartet schon ein alter Bekannter auf mich.

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Der Ruhewald