Im Ruhewald
Ich lausche dem Zwitschern der Vögel in den Bäumen. Ich versuche einen von ihnen in den Baumkronen zu erspähen, scheitere aber. Wir stehen mitten im Ruhewald. Ich halte stützend ihre Hand, während sie sich mit der anderen die Schuhe auszieht. Sie möchte den erdigen Boden fühlen. Sie ist so. Naturverbunden. Vor uns ist eine kleine Lichtung mit einem Altar aus Holz und zwei Bänken. Auf dem Altar liegt ein Gesteck aus Tannenzapfen. Ich schaue es mir genauer an, während sie sich auf eine Bank setzt. Nichts außergewöhnliches zu erkennen. Ob das Gesteck wohl eine tiefere Bedeutung hat, frage ich mich. Ich komme zu keiner Antwort und beschließe mich wieder ihr zu widmen. Ich setze mich neben sie. Sie schaut in den Himmel, der zwischen den Bäumen hindurch blitzt. Sie sieht zufrieden aus. Ganz im Einklang mit sich selbst.
„So friedlich hier.“ sage ich.
Es scheint, als habe ich sie aus ihren Gedanken geholt. Sie schaut mich an, dann sagt sie: “Ja das stimmt. Es ist ein schöner Ort.“
Ich nicke ihr zu, dann scanne ich wieder den Wald nach Tieren. Es muss doch möglich sein, einen dieser laut zwitschernden Vögel zu sehen.
„Würdest du dich hier begraben lassen oder würdest du einen klassischen Friedhof bevorzugen?“ fragt sie mich nach einem kurzen Moment der Ruhe.
Ich mache mir darüber selten Gedanken und wenn doch, dann sind sie nie sehr tiefgründig. Der Tod ist für mich zu weit entfernt, obwohl ich weiß, dass Lebenszeit niemals gewiss ist. „Keine Ahnung, verbrennen und die Asche an einem schönen Ort verstreuen lassen. Am Meer von Barcelona.“ sag ich salopp.
„Und du?“ füge ich hinzu.
„Ich möchte gerne einen Platz im Ruhewald haben, an dem man mich besuchen kommen kann, wann immer einem danach ist.“ sagt sie.
Sehr vorsorglich, denke ich mir. Selbst nach ihrem Ableben würde sie noch für ihre Nächsten da sein wollen.
„Ich weiß nicht.“ antworte ich.
„Friedhöfe jeglicher Art sind nicht meine Welt. Vor allem nicht, wenn dort jemand liegt, den ich kenne. Es löst immer so ein Unbehagen in mir aus. Einfach nicht schön.“
„Du würdest mich also nicht besuchen kommen?“ fragt sie.
Ich überlege.
„Bei dir würde ich eine Ausnahme machen.“ sage ich und wippe nervös mit dem Fuß auf dem Boden.
Sie legt ihre Hand auf meinen Oberschenkel.
„Alles Ok. Du brauchst nicht gleich nervös zu werden.“ sagt sie neckend.
Dann lehnt sie sich an meine Schulter.
„Was denkst du, was nach diesem Leben kommt? Ob es wohl noch eine zweite Chance gibt?“ fragt sie mich.
Ich lege den Arm um sie.
„Das weißt du doch. Ich glaube daran, dass wir so oft wiederkehren oder wiederkommen müssen, bis wir unseren idealen Weg durch das Leben zu gehen gefunden haben. Eine Balance zwischen Selbstverwirklichung und Mitgefühl.“
„Und was, wenn du es am Ende geschafft hast?“
Sie stellt mir eine Frage, auf die ich keine Antwort habe.
„Du meinst, ob es einen Ort gibt, an dem unsere Seelen ihren Frieden finden?“ versuche ich ihre Frage zu interpretieren.
Ich weiß nicht worauf sie hinaus will. Ich fühle mich gerne als Mr. Know-it-all. Eine Frage nicht beantworten zu können, lässt mir keine Ruhe.
„Schon ok.“ sagt sie, als sie sieht, wie ich mich um eine Antwort bemühe.
„Ich habe neulich den Pfarrer im Krankenhaus getroffen“, sagt sie.
„Seiner Frau geht es nicht gut.“
„Was hat sie denn?“
„Das weiß ich nicht. Ich habe nicht weiter nachgebohrt. Sie sah schlecht aus.“
„Die Ärmste. Ich hoffe, es geht ihr bald wieder besser.“ sage ich.
„Er ist so ein lieber Mensch. Er hat es nicht verdient, allein zu sein.“ sagt sie.
„Hat er noch seinen Hund?“ frage ich sie.
Vielleicht wäre es eine Idee, unsere Hündin mal wieder mit seinem Mali auszuführen. Das haben wir früher öfter gemacht, als die zwei noch jung waren. Meistens zufällig, weil wir dieselben Spazierwege nutzen. Aber manchmal auch verabredet. Seit geraumer Zeit ist der Pfarrer allerdings nur selten in der Natur zu treffen. Jetzt verstehe ich wieso.
Wir sitzen einen Moment stillschweigend und eng umschlungen auf der Bank, dann fällt mir auf, was sie gesagt hat. Wie konnte sie den Pfarrer im Krankenhaus treffen? Was hat sie dort zu suchen gehabt? Das Krankenhaus liegt außerhalb der Stadt. Man kommt nicht einfach zufällig am Krankenhaus vorbei. Ich hake nach.
„Was hast du denn im Krankenhaus gemacht, als du den Pfarrer getroffen hast?“ möchte ich von ihr wissen.
Sie schweigt einen Moment.
Dann seufzt sie: „Nichts besonderes.“
„Davon hast du mir gar nichts erzählt.“ erwidere ich.
„Doch. Jetzt gerade.“ schmunzelt sie.
Ich kenne dieses Lächeln. Immer wenn sie nicht auf den Punkt kommen will. Wenn sie nicht mit der Sprache rausrücken will. Dann versucht sie mich mit einem Lächeln abzuspeisen und mir etwas vorzumachen. Aber ihre Augen sprechen eine Sprache, die mir nichts verheimlichen kann. Etwas bedrückt sie. Ich löse mich aus unserer Umschlungenheit und setze mich aufrecht hin. Sie sieht mich mit traurigem Blick an.
„Was ist los?“ frage ich sie. „Was hast du im Krankenhaus gemacht?“
Sie wendet den Blick von mir ab. Mit leeren Augen schaut sie in den Wald.
„Rede doch mit mir.“ sage ich.
Dann holt sie tief Luft. Eine Träne bahnt sich ihren Weg über ihre Wange.
„Ich werde sterben.“ sagt sie.
Der Schock trifft mich wie ein ungebremster Zug. Ich schweige. Dann versuche ich mich zu sammeln, um eine Antwort zu geben. Sie nimmt mir die Last ab und fährt fort: „Ich war im Krankenhaus wegen meiner Schmerzen. Dort hat man es festgestellt.“
Sie macht eine Pause.
„Es ist die Bauchspeicheldrüse. Du weißt, was das heißt?“
Ich weiß, was das heißt. Ihre Mutter starb vor einigen Jahren an Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Sie hat sie gepflegt und bis zum Ende begleitet. Sie wich nicht von ihrer Seite. Es war ein schmerzhafter Prozess. Sie hat sich damals geschworen, sie würde nicht dieselben Qualen durchstehen müssen, um am Ende den Kampf trotzdem zu verlieren. Wenn sie das Schicksal ebenso träfe, dann möchte sie in Würde gehen. Bei klarem Verstand. Ohne Morphium und Wahnzustände. Sie würde gehen wollen, solange sie noch Herrin über ihren Körper ist.
Wir schauen uns lange wortlos in die Augen. Ich wische ihr die Träne von der Wange, dann nehme ich sie in den Arm.
„Ich habe Angst.“ sagt sie.
„Ich auch.“ antworte ich.
Je länger wir uns anschweigen, desto größer wird der Schmerz. Mir wird im Sekundentakt bewusster, was ihre Worte bedeuten. Ich denke darüber nach, was auf uns zukommen wird. Doch viel schmerzhafter sind die Gedanken darüber, was nicht mehr auf uns zukommen wird. Ich presse die Lippen zusammen.
Es ist nun ein Jahr her, dass ihre Seele Frieden gefunden hat. Sie verließ uns nach einer kurzen Leidenszeit. Ihre Asche haben wir im Ruhewald beigesetzt. Ganz in der Nähe von einem Altar mit Tannenzapfengesteck und zwei Holzbänken. Der Pfarrer hielt eine schöne Rede. Ich treffe mich ab und an mit ihm. Dann reden wir über unsere Frauen, während unsere Hunde gemeinsam auf den Feldern das Altwerden genießen. Das Schauspiel hätte ihr auch gefallen.