Zahlen, bitte!

Tim, Pia und Rossi sitzen gemeinsam am eichenen Tisch im “la Conchiglia”. Ein kleines italienisches Restaurant am Rand der Stadt. Tim sitzt gegenüber von Pia und Rossi. 

“Was nehmt ihr?” fragt Pia unentschlossen in die Runde. Pia ist ein Scheidungskind. Ihre Mutter ist nach Spanien ausgewandert. Ihr Vater führt eine kleine Physiopraxis in der Stadt. Sie arbeitet als Therapeutin in der Praxis ihres Vaters. Eigentlich ist Pia von Beruf Tochter. Sie bereist die Welt auf Papas Kosten und wann immer sie knapp bei Kasse ist, kommt sie zurück, um sich in der Praxis etwas dazu zu verdienen.

"Also, ich nehme die Mexicana”, antwortet Rossi. Rossi sieht aus wie ein Engel. Langes, hellbraun gelocktes Haar und heller Teint. Sie ist ehrlich, direkt und nimmt kein Blatt vor den Mund. “Die brennt dann zweimal.” sagt sie.

Tim ist noch unentschlossen. “Ich tendiere zwischen Salat mit Putenstreifen oder Nudeln. Also der 22 oder der 47.” Tim neigt dazu, die Dinge zu verkomplizieren. Außerdem erklärt er gerne exzessiv und umfangreich. Tim ist schon länger Single. Er kommt aus einer gescheiterten Ehe. Seine kolumbianische Frau brannte mit dem Deutschlehrer der Volkshochschule durch. Tim schwärmt schon länger insgeheim von Pia. Was er jedoch nicht weiß, ist, dass Pia eine Vorliebe für Frauen hat, ganz besonders für Rossi. 

Die drei kennen sich schon seit Jahren. Pia und Rossi haben sich in einer Bar kennengelernt, in der Rossi gearbeitet hat. Pia war damals Studentin und kam regelmäßig vorbei. Nach Feierabend fragte Rossi Pia einmal, ob sie noch Lust hätte, um die Häuser zu ziehen. Der Beginn einer dicken Freundschaft. Tim stieß Jahre später dazu. Er war Patient in der Praxis von Pias Vater. 

Die Kellnerin kommt an den Tisch. “Habt ihr euch schon entschieden? WIsst ihr was ihr trinken wollt?”

“Für mich ein stilles Wasser”, sagt Pia

“Für mich eins mit Kohlensäure. Medium bitte. Sonst muss ich zu sehr aufstoßen”, antwortet Tim.

“Ich nehm’ ein Bier”, sagt Rossi.

“Was für eins?” fragt die Bedienung.

“Beck’s”

Die Kellnerin notiert die Bestellung und verschwindet dann hinter der Bar.

Während die drei auf die Getränke warten, scannt Rossi das Restaurant mit ihren Augen ab. “Ganz schön hässliche Leute hier drin, was?” sagt sie.

“Wen meinst du” fragt Pia neugierig.

“Ich mein zum Beispiel das Kind dort drüben. Das mit dem Quadratkopf. Ist das ein hässlicher Bengel. Und wie der schreit. Zum Glück hab ich sowas nicht”, lästert Rossi. Sie hätte gerne Kinder gehabt, doch die Familienplanung wurde erstmal auf Eis gelegt, als herauskam, dass Francesco, ihr Ex, sie jahrelang betrogen hatte. 

“Der Kleine kommt definitiv nach dem Vater. Wie fett er auch ist. Du meine Güte. Was geben die ihm bloß zu essen?" Pia springt auf den Lästerzug mit auf.

"Ich nehme dann doch den Chefsalat.” Tim hat sich entschieden. “ Also, die 48.”

Die zwei Frauen schauen ihn an.

“Alles klar”, sagt Rossi anschließend. Sie hebt ihren Arm in die Luft und schnippt mit den Fingern. 

“Wir wären dann soweit”, schallt es durch das Lokal. Die Kellnerin schaut auf. Vor ihr steht das Tablett mit der Getränkebestellung auf dem Bartresen. Sie schnappt sich das Tablett und manövriert gekonnt durch das gefüllte Restaurant. 

“Eure Getränke” sagt sie, als sie am Tisch ankommt. Sie nimmt die Getränke vom Tablett und verteilt sie auf dem Tisch. “Was wollt ihr essen?”

“Für mich einmal die Mexicana”, prescht Rossi vor.

“Bei mir darf es die Lasagne sein", sagt Pia.

“Ich hätte gerne einmal die 48. Also den Chefsalat. Ohne den Mais, bitte. Ich habe eine Maisallergie” erklärt Tim ausführlich, mit erhobenem Zeigefinger.

“Alles klar. Einmal Mexicana, einmal Lasagne und einen Chefsalat ohne Mais. Hab ich. Kommt sofort.” Die Bedienung packt ihren Notizzettel weg und geht wieder.

Die zwei Frauen lästern noch ein bisschen über die anderen Gäste, während Tim zur Toilette geht, um sich die Hände zu waschen.

Als die Kellnerin wieder kommt, hält sie die zwei Pizzateller auf dem einen und den Chefsalat mit Brotkorb auf dem anderen Arm. Gekonnt stellt sie eins nach dem anderen auf dem Tisch ab und verteilt das Essen.

“Lasst es euch schmecken”, sagt sie und verschwindet dann wieder Richtung Küche.

“Sieht super aus”, sagt Pia.

“Aber sowas von", sagt Rossi und greift nach dem Chiliöl auf dem Tisch. Sie schüttet eine großzügige Portion Öl über ihre Pizza. Rossi mag die Dinge scharf.

“Ich bin mir nicht so sicher, ob das wirklich gesund ist, Rossi”, sagt Tim.

“Sie verträgt das”, verteidigt Pia Rossi, “du hast doch gehört. Sie mag es gern, wenn's zweimal brennt.”

“Danke Pia. Das ist ein Bild auf das ich verzichten kann”, sagt Tim. Er hat die Gabe oder den Fluch, sich alles bildhaft vorzustellen.

“Jetzt wirds aber persönlich, Tim”, sagt Rossi. “ Was gefällt dir nicht an meinem Arsch?”

“Du weißt schon, wie ich das meine, Rossi”, antwortet Tim.

“Leute, guten Appetit. Ich muss jetzt essen. Ich hab seit heute morgen nichts mehr gegessen. Ich bin am verhungern", unterbricht Pia. Sie hatte in ihrer Frühstückspause ein Knäckebrot mit Naturquark und Schnittlauch gegessen. Und ein Radieschen. Anschließend war sie mit den Kunden beschäftigt. Sie kam nicht dazu, noch etwas zu essen. Außerdem wollte sie sich den Magen frei halten für heute Abend.

Die drei stürzen sich genüsslich auf ihr Essen. 

Tim unterbricht als erster die schmatzende Runde: “Mmmh. Lecker. Also der Salat, fabelhaft. Und die Pizzabrötchen erst. Muss man mal gegessen haben.”

“Meins auch”, sagt Rossi kauend, mit einem Pizzastück in der Hand. Sie hat ihre Pizza in dreieckige Stücke geschnitten.

“Lass mal probieren", sagt Pia zu Rossi.

Rossi gibt ihr ein Stück von der Mexicana. 

“Nicht so viel”, sagt Pia. Sie schneidet sich eine Ecke ab und wirft den Rest zurück auf Rossis Teller. “Das reicht”, sagt sie.

“Du auch?” fragt Rossi Tim. Der schaut sie nachdenklich an.

“Was? Ich bin nicht giftig”, sagt Rossi.

“Das ist es nicht. Aber das ganze scharfe Öl", antwortet Tim.

“Hier”, sagt Rossi und schneidet Tim eine Ecke von der Mexicana ab, die vom Öl verschont geblieben ist. “Ich hab hier ein Stück ohne Öl drauf. Das kannst du haben.”

Tim nimmt die Ecke und inspiziert sie von oben und unten. 

“Tatsache, kein Öl drauf. WIe hast du das denn geschafft?” fragt er und beißt ein großes Stück der Pizzaecke ab. Er stößt ein zufriedenes: "Mhmm." Ist echt gut“, aus und fragt dann: „Was ist denn da alles drauf?” 

“Ah, das Übliche eben. Salami, Paprika, Mais, Zwiebeln, Jalapenos”

“Mais?” fragt Tim erschrocken. Er ist doch allergisch gegen Mais. Er spürt wie es im warm wird.

“Fuck”, sagt Rossi “daran hab ich garnicht mehr gedacht. Deine Allergie.”

Tim läuft dunkelrot an, dann beginnt er zu husten. Der Schweiß läuft ihm von der Stirn. Er bekommt schwer Luft.

“Los, los, los” Pia springt auf, “hilf mir ihn hinzulegen.” Sie zerrt Tim, der keuchend auf dem Stuhl sitzt, vom Tisch und stößt ihn vom Stuhl. 

“Was machst du?” ruft Rossi verstört. Die anderen Leute im Restaurant drehen sich um und schauen. “Willst du ihn umbringen?”

“Wenn wir nichts tun, wird genau das der Fall sein, Rossi” sagt Pia nervös.

Tim liegt nun auf dem Boden. Die Augen weit aufgerissen. Der Mund japst nach Luft. Sein Körper fängt an zu verkrampfen. Tim wäre bereits schon einmal fast gestorben, als er noch ein Kind war und einen gegrillten Maiskolben gegessen hat. Er verbrachte den halben Tag in der Notaufnahme, bis er wieder stabil war. So kam man überhaupt dahinter, dass er eine Maisallergie hat. Über die Jahre hinweg hat sich die Allergie verschlimmert. Dieses bißchen Mais, das er gerade zu sich genommen hat, könnte böse für ihn enden.

“Mach was.” schreit Rossi hektisch. Die Angestellten sind inzwischen dazugestoßen. Die Leute an den Tischen begaffen schaulustig das Geschehen. 

“Ich mach’ doch schon”, schreit Pia zurück. Sie hebelt Tim’s Beine auf und ab wie eine Wasserpumpe. Seine Lippen sind inzwischen blau.

“Stabile Seitenlage” ruft Rossi zu Pia. 

“Doch erst, wenn er stabil ist”, schreit die zurück.

“Ich ruf den Rettungswagen”, sagt die Bedienung.

“Wann ist er denn stabil?” will Rossi wissen. Sie beugt sich über Tims Kopf und versucht, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen. Doch Tim ist nicht ansprechbar. Sein Körper ist steif wie ein Brett.

“Was weiß ich,” sagt Pia, noch immer Tims Beine pumpend, “wenn er wieder Farbe hat.” Pia bemerkt, dass Tims Atem flacher wird.

“Das bringt so nichts. Der kippt uns weg”, sagt Pia zu Rossi. 

Pia unterbricht ihr Pumpen. Sie geht zum TIsch und mit einem Wisch, schmeißt sie das gesamte Geschirr samt Beilagen vom Tisch. Die Teller zerspringen und vermischen sich mit dem Essen auf dem schwarz-weiß gefliesten Boden.

“ Das schöne Essen”, ruft der Koch, der sich irgendwann unter die Schaulustigen gemischt hat.  Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Die anderen Gäste sitzen immer noch gaffend auf ihren Stühlen. Manche sind aufgestanden, um besser sehen zu können. 

“Los komm, hilf mir, ihn da hochzuheben”, sagt Pia zu Rossi. Sie packen Tim und wuchten ihn mit aller Kraft auf den Tisch. Sein Hinterkopf knallt mit einem lauten Schlag gegen den rustikalen Holztisch. Tim stöhnt.

“Der Krankenwagen ist unterwegs. WIe geht's ihm?” die Bedienung kommt aus der Küche zurück.

“Nicht so gut. Ich glaub er blutet", antwortet Rossi und zeigt dabei auf den Blutfleck unter Tims Hinterkopf. 

“Du pumpst, ich beatme", sagt Pia zu Rossi.

Rossi nimmt Tims Beine und beginnt, sie auf und ab zu bewegen. So wie Pia vorhin.

“Nicht die Beine, du Idiot. "Hier, das Herz.” Pia drückt mit ihren Händen auf Tims Oberkörper. “So. Dreißig Mal. Laut zählen, dann Pause. Dann beatme ich. Dann weiter", instruiert Pia.

Tim, der mittlerweile keine Farbe mehr im Gesicht hat, außer den lilafarbenen Lippen und kaum ein Puls, zuckt im Rhythmus zu Rossis Herzmassagen. 

Nach dem dreißigsten Mal stoppt Rossi und gibt Pia ein Zeichen.

Pia holt tief Luft, dann presst sie ihre Lippen auf Tims geöffneten Mund und bläst hinein.

“Fuuuh, man Tim, was hast du gegessen?” fragt sie ihn rhetorisch. Sie wendet ihren Kopf von ihm, holt erneut Luft und bläst wieder in den geöffneten Mund.

“Weiter”, sagt Pia zu Rossi.

“Leute, der Blutfleck wird auch immer größer”, sagt die Bedienung währenddessen und zeigt auf Tims Kopf. Tims Pupillen haben sich inzwischen in die Augenhöhlen verabschiedet. Man sieht nur noch das Weiße in seinen Augen.

“Das bringt nichts”, schreit Rossi verzweifelt.”Der stirbt”

“Der stirbt nicht”, will Pia Rossi ermutigen. Doch sie weiß, dass Rossi recht haben könnte.

“Aus dem Weg, bitte”, schallt es vom Eingang des Restaurants mit lauter Stimme.

“Die Sanis sind da”, sagt die Bedienung.

Die Rettungssanitäter eilen zum Geschehen und verschaffen sich einen Überblick. Ein lebloser Mann, Ende 30, liegt auf einem Holztisch, die Arme und Beine vom Tisch hängend. Unter seinem Kopf fließt Blut hervor. Die Sanitäter schieben mit den Stiefeln das Chaos auf dem Boden zur Seite, um an Tim heran zu kommen, ohne auszurutschen.


Die zwei Frauen, die Bedienung und die umstehenden Gäste, sehen nicht genau, was die Sanitäter machen, doch sie können hören, wie Tim unter leisem Stöhnen ins Leben zurückkehrt.

“Gute Arbeit, Ladies”, sagt der eine Sanitäter anschließend zu den zwei Frauen, während der zweite zurück zum Wagen vor dem Restaurant geht. “Ohne Euch hätte er es wohl nicht geschafft. Ihr seid ganz schön tough.” Der zweite Sanitäter kommt mit einer Mobilen Trage zurück. Die zwei Rettungssanis lagern den erschöpften, aber lebenden Tim auf die Liege. Dann bringen sie ihn zum Wagen. Die Gäste applaudieren. Die Mitarbeiter gehen zurück an ihre Arbeitsplätze. Die zwei Frauen stehen völlig geschafft da. 

“Zahlen, bitte”, sagt Pia.

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Das Exit